Rezension: Kein Weihnachtsmärchen: „Der Gefangene des Himmels“ – Carlos Ruiz Záfon

Der dritte Teil der Barcelona Reihe von Carlos Ruiz Zafón lag unterm Tannenbaum – und nur 2 Tage später war der Schmöker weggelesen. Ein gutes Zeichen? Die Antwort ist ein klares „Jein“! Nach dem großartigen Schauermärchen „Der Schatten des Windes“ und dem für mich sehr schwachen „Das Spiel des Engels“ wäre meine zu Carlos Ruiz Zafón alles andere als eindeutig.

Wenn da nicht dieses kleine dtv-Büchlein gewesen wäre. Das mit dem grünen Aufdruck „Abenteuer“ und dem Titel „Der Fürst des Nebels“. Mit ca. 11 Jahren habe ich dieses Buch verschlungen und seit dem bestimmt weitere 8-9 Male. Bis das Buch verloren ging… . Aber das ist eine andere Geschichte. Um eine Rezension meines absoluten Lieblingsbuches of all times kommt ihr und komme ich wohl nicht herum – aber alles zu seiner Zeit.

Was will ich damit sagen? Ich liebe Zafón bedingungslos. Wie ein Kind seinen alten und vielleicht nicht mehr ganz so schönen Teddy. Einfach, weil er immer da war und mir auch immer noch bei sonnigem Wetter einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Auch wenn es so scheinen mag, ich schweife nicht ab! Denn diese Qualität Záfons ist auch in „Der Gefangene des Himmels“ für mich am überzeugendsten. Los geht’s:

Nachdem „Das Spiel des Engels“ für mich leider ein totaler Reinfall war, war die Freude über den Klappentext bei „Der Gefangene de Himmels“ zunächst groß – es sollte um die in den bisherigen Romanen so schmählich vernachlässigte Figur des Fermín gehen! Spannend! Und meiner Meinung nach längst überfällig. Wer es vergessen haben sollte: Fermín ist in „Der Schatten des Windes“ eine wichtige Nebenfigur und der Prototyp des „treuen Gefährten“ von Daniel Sempere. Da ist es nur gerecht, dass diese Figur eine Geschichte bekommt. Zumal ich schon vor dem Lesen des Buches tausend Fragen im Kopf hatte: Woher kommt dieser Mensch eigentlich? Warum wird er von dem grausamen Inspektor Fumero verfolgt? Ist es einfach nur Gutmütigkeit, die ihn zu Daniels Helfer in der Not werden ließ? Fragen über Fragen, auf die ich mir Antworten erhoffte.

Zur Story: Wir befinden uns Ende der 50er Jahre. Das diktatorische Franco-Regime ist an der Macht und, um es mit Záfons Bildsprache wiederzugeben: Die Unterdrückung und die Angst hüllt Barcelona in ein kühles, neblig-nasses Grau. Das Geschäft der Semperes wird von dieser Krisenstimmung ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Es herrscht eine beklemmende Stimmung, die dadurch aufgebrochen wird, dass es im Hause Romero de Torres frohe Neuigkeiten gibt. So unglaublich es klingt – Fermín möchte seine langjährige Geliebte Bernarda heiraten. Das einzige, was ihnen im Weg steht, ist Fermíns Vergangenheit – vielmehr die nicht vorhandenen Personaldokumente.

In einer Art Lebensbeichte berichtet Fermín seinem Vertrauten Daniel nur zögernd seine Geschichte, deren grausamer Hauptschauplatz das Kastell auf dem Montjuic darstellt. Im Zuge dessen wird auch deutlich, welche Rolle Fermín in der Geschichte der Familie Sempere spielt. Eine ziemlich konstruierte Verbindung, die offenbar den Brückenschlag zwischen „Der Schatten des Windes“ und dem zeitlich davor spielenden „Das Spiel des Engels“ bilden soll.

Verstehen wir uns nicht falsch, es gibt schon krasse Momente in dem Buch: Für diejenigen, die, wie ich, in spanischer Geschichte nicht so bewandert sind: Das Kastell fungierte nach dem zweiten Weltkrieg als Gefängnis für politische Gefangene. Und wie diese Art der Gefängnisse in diktatorischen Regimes aussehen, wissen wir wohl alle. Die eindringlichen Schilderungen der Willkür und des Leides, dass dem Inhaftierten Fermín in dem Kastell widerfährt, können niemanden kalt lassen. Diese Stellen zeigen nicht nur die Grausamkeit des Regimes, sonder gleichzeitig die Stärke Fermíns, dessen positive Einstellung zum Leben mit diesem Hintergrund noch bewundernswerter wird. Das sind die einzigen Stellen, an denen ich Zafón politische Anmerkungen wirklich ernst nehmen kann – denn sonst versteckt sich die nicht spärlich eingestreute Zeitkritik oft hinter blumigen Beschreibungen und leeren Worten.

Ein persönlicher Schlenker zeigt, welche Wirkung Zafón dennoch auf mich hat: Wie jeder Barcelona-Tour habe ich mir damals auch das Kastell angesehen, bin durch ein paar Gänge gelaufen und habe anschließend einen Kino-Film bei Sonnenuntergang vor den Mauern der Burg geschaut. Schöne Urlaubserinnerungen, die nun mit diesen Schilderungen des Ortes zusammentreffen. Klar wusste ich von der Geschichte des Schlosses nicht nur aus dem Reiseführer, aber in dem Moment habe ich das alte Gemäuer einfach nur genossen. Mir persönlich eröffnet sich dadurch eine besondere Fähigkeit Zafón: Er hat es einfach drauf, mir am helligten Tag tierisch Angst zu machen. Damit zeigt er, wie eng so ein wohliges Sonnengefühl und der blanke Terror oft beieinander liegen. Es gibt nie nur Schwarz oder Weiß. Damit hat er auch dieses Mal, wenigstens bei mir, voll ins Schwarze getroffen.

Aber leider war’s das auch schon. Schwer enttäuscht bin ich von der allgemein Story, die mir einfach nicht durchdacht genug ist. Das ist nicht sehr typisch für Zafón, sodass die Vermutung naheliegt, dass das Buch unter Zeitdruck herausgebracht wurde. Außerdem ist es mit läppischen, durch das Layout gestreckten 400 Seiten viel viel kürzer als das klein bedruckte, 600 Seiten starke „Der Schatten des Windes“. Hat da wohl das Weihnachtsgeschäft gelockt? Die Geschichte wirkt unvollständig. Die Hauptmotivationen der Figuren sind mir leider völlig schleierhaft geblieben. Wenn ihr das Buch schon gelesen habt oder es ohnehin nicht vorhabt, dann lest hier weiter.

*Spoileralarm!* Ein Kulturfunktionär will den Jahrhundertroman schreiben und hält deshalb einen Schriftsteller gefangen (warum ist dieser Gefangene eigentlich des Himmels, hab ich was verpasst?). Gleichzeitig ist dieser Schuft hinter dessen Bekannten, Daniels Mutter, her? Man kann an dieser Stelle wieder argumentieren, dass das die Willkür der „Ruling Class“ widerspiegelt, aber ich fand die Motivation etwas mau. Aber vielleicht habe ich auch einfach einen Handlungsstrang aus „Das Spiel des Engels“ verdrängt und verstehe den Bezug einfach nicht – bedenkt man, wie shitty ich das Buch fand, kann das sogar sehr gut sein.

Eigentlich geht es nur darum, dass Fermín vor dem Gesetz einen offiziellen Namen erhält, mit dem er seine Bernarda heiraten kann. Bla. Wieder eine Motivation, die mir nicht schlüssig ist. Warum sollte das für Fermín in einem Staat, den er verachtet, so wichtig sein, „jemand zu sein“? Das passt ganz und gar nicht zu der sonst so freiheitsliebenden Person. Aber man sagt ja, die Ehe verändere die Menschen. Vielleicht ist das bei Fermín nicht anders, sondern geht einfach etwas schneller.*Spoilerende*

Zu meinem Hauptkritikpunkt: Obwohl Fermíns Geschichte eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, ist er am Ende doch nur Fensterkitt zwischen dem zweiten und dem ersten Roman. Ein spannender Nebencharakter in der Geschichte der Semperes. Die „komische Person“, die nun mit einer etwas dürftigen Vorgeschichte ausgeschmückt wurde. Das finde ich wirklich schade! Es bleiben so viele wichtige Details aus Fermíns Leben ungeklärt.

Ja, auch das hat Zafón sehr geschickt gemacht. Er entlässt den Leser mit mehr Fragen, als er vor beginn des Buches ohnehin schon hatte und schafft so einen super tollen „to-be-continued“-Moment. Ich persönlich bin etwas genervt, weil Fermín und damit dieser Roman, so viel mehr hätten sein können. Es war bereits alles da, spannende Charaktere aus den bisherigen Büchern, historischer Kontext, der für Dramatik garantiert, eine Stadt, die Zafón so wunderbar beschreibt – und trotzdem: die Geschichte wurde zuweilen wirklich lieblos vorangetrieben. Hätte würde könnte, es wird definitiv einen weiteren Teil der Barcelona-Saga geben, in der Zafón dann einiges an Wiedergutmachungen zu leisten hat – zähneknirschend werde ich das Buch natürlich trotzdem lesen … .

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