Rezension: „Die Bildhauerin“ – Minette Walters

IMG_0247-polaCrime Queen Minette Walters hat hier ein wirklich verwirrendes Buch geschaffen. Dementsprechend mühsam war diese durchwachsene Rezension, die am Ende ein ebenfalls sehr durchwachsenes Urteil über den Roman abliefert.

Das übliche „wer war’s“-Spiel steht in dieser Story zunächst nicht zur Debatte, denn der Mord, der hier im Zentrum steht, liegt bereits einige Jahre zurück. Eine Täterin gibt es auch: Olive Martin hat ihre Mutter und Schwester getötet, mit einer Axt zerstückelt und die Tat gestanden. Die Schriftstellerin Roz wird nun, Jahre nach dem Mord, der Südengland erschütterte, von ihrer Verlegerin auf den Fall angesetzt. Die reißerische Story soll ihrer mäßig dahin dümpelnden Karriere einen Push verleihen – der letzte Versuch, bei dessen Scheitern der Verlag sie fallen lassen würde. Widerwillig begibt sich Roz also auf die Spurensuche und fördert dabei allerlei widersprüchliche Aussagen zutage, die so gar nicht zusammenpassen wollen.

So sieht die Grundkonstellation aus. Und es ist beinahe unnötig zu erwähnen, dass am Ende nichts mehr so ist, wie es am Anfang schien. Oder doch? Wer weiß. Twist über Twist, Verstrickung über Verstrickung ergeben am Ende viele Puzzlestücke, die in gewissen Konstellationen schon zusammenpassen – meistens jedoch ein Bild der völligen Verwirrung liefern. Das ist bis zu einem gewissen Grad schon gut gemacht. Wenigstens dann, wenn man wie ich nichts gegen komplizierte Plots hat. Und doch: Minette Walters treibt dieses Spiel selbst für meinen Geschmack an die Schmerzgrenze.

Was ist nun wahr, was ist gelogen? In dem Buch kommen so viele gestörte Menschen zusammen, dass ein echtes Durcheinander entsteht. Da ist die eingesperrte Olive, die irgendeinen Voodoo betreibt (mal ehrlich, der namensgebende Handlungsstrang trägt rein gar nichts zur Story bei), eine von Alzheimer heimgesuchte alte Nachbarin, ein Ex-Polizist, ein verlorener Sohn und schließlich ein Anwalt, der sich mit einer mehr als wirren Geschäftsidee bereichert. Dann eine wohlgesonnene Mentorin und Lehrerin Olives, die mit der glaubhaften Aussage „Sie können davon ausgehen, dass Olive immer lügt.“ alles noch einmal verkompliziert. Es stellt sich für mich die berechtigte Frage, ob die Autorin selbst am Ende noch durch ihre gesponnenen Handlungsstränge durchgestiegen ist.

Zunächst interessant fand ich die psychologischen Ansätze, die in dem Buch – wenn auch mit teilweise zweifelhaften Schlussfolgerungen – angesprochen werden. Minette Walters geht hier Anfang der 90er Jahre ein für einen kommerziellen Krimi recht gewagtes Thema an. Denn, anders als Minette Walters habe ich es nicht gleich im ersten Satz erwähnt, ist Olive das perfekte Feindbild. Ungepflegt, übergewichtig, unsozial und damit all das, was ein „Mädchen“ eben nicht sein sollte. In Gesprächen mit Olive lernt Roz jedoch eine sensible und liebenswerte Seite an  ihr kennen – was für eine Überraschung! Erschreckt steht der Leser vor dieser Aussage: Man darf nicht vom Aussehen eines Menschen auf seinen Charakter schließen? Sollte meine Kindergärtnerin damals etwa recht gehabt haben?

So ärgerlich diese Erkenntnis für mich war – in dem Buch wird auch die andere Seite beleuchtet: Und zwar in dem Punkt, dass Olive ihren Status gekonnt einsetzt. Sich einen im wahrsten Sinne des Wortes Panzer anlegt, um ihre Interessen zu verfolgen. Ihren Ruf als Monster verteidigt sie einerseits, andererseits zeigt sie sich hin- und wieder überraschend einfühlsam und freundlich. Sie nutzt den Überraschungseffekt, den ihr ihr Auftreten bietet, um die Menschen um sich herum zu manipulieren – perfekt klappt das bei Roz, die offenbar ein ziemlich eindimensionales Menschenbild hat. Das Spiel zwischen Macht und Ohnmacht fand ich ganz reizvoll und ich kam stellenweise nicht umhin, diese Psychopathin (oder?) für ihre Stärke zu bewundern. Opfer oder Täter – das ist eine der Fragen auf die es in diesem Fall wirklich keine Antwort geben kann. Ende und gut. Was für ein Schluss wäre das gewesen!

Aber weil so ein Ende ja den ein oder anderen – zum Beispiel unsere Ermittlerin Roz – überfordert hätte, gibt es auf der Zielgeraden dann doch eine wenig befriedigende Auflösung, die dann auf der letzten Seite aber doch wieder revidiert oder zumindest in Frage gestellt wird. Damit auch der letze Leser versteht, dass es in diesem Fall keine Lösung gibt. Ein bisschen dick aufgetragen – und deshalb nicht nach meinem Geschmack. Ich hätte in dieser Story ein total offenes Ende bevorzugt. Denn die Geschichte hätte es durchaus hergegeben, verschiedene Täter in Frage kommen zu lassen. Ich hätte mir lieber selbst eine Lösung zusammengereimt, als mit einer wagen Andeutung entlassen zu werden.

Abgesehen von einigen wirklich fragwürdigen Schlussfolgerungen ist „Die Bildhauerin“ kurzweilig und auch ganz spannend. Kann man lesen, muss man aber auch nicht. Und weil ich hier bestimmen darf, lasse das einfach mal offen… .

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