Buchtipp: Ein bisschen Scotland Yard in Berlin: „Der Nasse Fisch“ – Volker Kutscher

Berlinchen

Beginnen wir ein bisschen off-topic: Ich weiß nicht, ob ihr es wusstet – es gibt tatsächlich Scotland Yard Bücher und Hörspiele! Als Fan des bekannten Familienspiels war ich 8-jährige daher Stammgast in der Neugrabener „Bücherhalle“ (so nannte sich die Bücherei) und habe mir mit meiner pinken Benutzerkare, auf der ich kaum unterschreiben konnte, Kassetten und Bücher ausgeliehen, in denen junge Detektive mit Bus, Taxi und Boot durch die Metropole an der Themse jagen.

 So einfach das Konzept auch ist, ich fand es offenbar schon immer super. Und da ein bisschen Lokalkolorit noch nie geschadet hat, nutzt auch Kutscher dieses Stilmittel in seiner Gereon Rath Serie als wichtiges Erzählelement. Doch glücklicherweise bleibt es nicht allein dabei. Im Gegenteil: Anstatt es bei einer Mördersuche durch Berlin zu belassen, nutzt er die verschiedenen Milieus, um ein möglichst ambivalentes Bild der Stadt und seiner oft gegensätzlichen Bewohner zu zeichnen.

 

Kommen wir zum Krimi-Plot: Rath, ein junger Polizist der Mordkommission, kommt  aus Köln in die Hauptstadt, um hier einen Neustart beim Sittendezernat zu wagen. Doch anstatt sich damit zu begnügen, verbotene Vergnügungslokale hochgehen zu lassen, lässt Rath sich alles andere als widerwillig in eine Mordermittlung hineinziehen. Die Leiche eines Unbekannten wird aus dem Landwehrkanal geborgen und lässt das Morddezernat im Dunkeln tappen. Es stellt sich heraus, dass diese Leiche ein Bekannter von Gereon Raths Vormieter war. Klar, dass Rath als typischer Schnüffler nicht lange zögert und auf eigene Faust zu ermitteln beginnt. In einem eng verwobenen Netz aus kommunistischen Splittergruppen, einer paramilitärischen Vereinigung von Veteranen aus dem ersten Weltkrieg, der aufkommenden SA und Berliner Untergrundgrößen gerät der „Neue“ schnell zwischen die Fronten und muss unter anderem merken, dass Berlin eben ganz besondere Anforderungen an einen Polizisten stellt.

 Maiunruhen, politische Lager in der Weimarer Republik und der rauschhafte Zustand im Nachtleben der Hauptstadt werden nicht nur am Rande beschrieben, sondern optimal mit der Geschichte verflochten. Mein Fazit daher: Das ambitioniertes Vorhaben, Zeitgeschichte mit einer spannenden Rahmenhandlung zu versehen, geht in weiten Teilen auf. Und diese Kunst macht aus einem Krimi mit lokalem Einschlag ein wirklich packendes Portrait des Alltags der Berliner Bürger gegen Ende der Weimarer Republik. Der noch etwas fremdelnde Kommissar eröffnet dem Leser ein Berlin, das man so längst nicht mehr kennen kann – und das mir gleichzeitig doch sehr vertraut vorkommt.

 Die Figur des Gereon Rath ist weder der typische Held noch das komplette Gegenteil davon – er ist ein Charakter mit vielen Reibungspunkten, der bestimmt nicht jedem sympathisch ist. Das ist aber auch nicht nötig, um sein Schicksal dennoch mit Interesse zu vefolgen. Ich zum Beispiel hätte wenig Lust mit Rath befreundet zu sein, auf einen Cognac ließe es sich mit dem lakonischen Egomanen hingegen bestimmt gut aushalten. Und da er trotz allen Fehlern einfach ein spannender Typ ist, lese ich gerade den Nachfolger „Der Stumme Tod“. Also, freut euch auf die nächste Rezension!

 P.S.: Ich bin generell ein Fan von Reihen und speziell Krimi-Serien. Ob Miss Marple, Maigret oder die A-Gruppe von Arne Dahl – wenn ich eine gute Krimi-Reihe entdecke, bin ich im siebten Bücherhimmel. Grund genug, mal einen Artikel darüber zu verfassen – nicht wahr?

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