Rezension: Tomatensalattomatensalattomatensalat: „Schneckenmühle“ – Jochen Schmidt

Rezension: SchneckenmühleEin Buch, das nicht das höchste Lesevergnügen ist – dafür ist der Stil einfach zu anstrengend. Aber je mehr ich über das Buch nachdenke, desto mehr Aspekte gefallen mir.

Der Sommer 1989 ist für den 14-jährigen Jens ein ganz besonderer. Denn es ist das letzte Mal, dass er das Ferienlager „Schneckenmühle“ besucht – diesmal als einer der „Großen“. Skat, Tischtennis, Tanzen, Nachtwanderungen und der Mädchen-Bungalow. Wir kennen es ja selbst wahrscheinlich noch sehr gut – als Teenager auf Klassenfahrt ist man rund um die Uhr beschäftigt. Vor allem mit sich selbst. So ist das auch bei Jens, dessen Gedankenfluss den Leser in oft unerwartete Richtungen mitnimmt.

Ich hatte ja bereits in der Ankündigung gesagt, dass Jens mich schnell für sich einnehmen konnte. Diese Teeny-typische Grübelei über das Leben, die Gesellschaft und viele kleinere Dinge haben mich sehr zurückversetzt in eine Zeit, in der alles, was man so denkt auf einmal einen perfekten Sinn ergibt. Klar, dass es „unter Jungs“ auch relativ sinnfreie Diskussionen um Getränkedosen, Astronautenfernrohre oder das Angebot im Konsum geben muss. Das ist jetzt nicht die höchste stilistische Offenbarung, aber macht den Roman authentisch und sehr realistisch. Detailverliebt schildert Schmidt den Alltag der Jugendlichen ohne dabei der totalen Nostalgie-Schiene zu verfallen.

Dann kommt Schwung in die Geschichte. Nach vielen Zustandsbeschreibungen komt nun so etwas wie Handlung ins Spiel. Jens liegt wegen einer Magenverstimmung auf der Krankenstation im Haupthaus, als er von Peggy aufgesucht wird. Die Außenseiterin aus Sachsen ist aus der Mädchen-Baracke getürmt und hält sich nun versteckt. Um ihre Mutter im Krankenhaus anzurufen machen die beiden sich auf einen Roadtrip, der sie auf besondere Weise zusammenschweißt.

Wenn man so viel erlebt, sind die nebenbei aufgeschnappten West-Fernsehbilder von Menschen, die in Ungarn über einen Zaun flüchten die geringsten Sorgen. Auch dass zwei Lagermitarbeiter kurz nacheinander verschwinden, kann für Jens nur von geringem Interesse sein. Viel wichtiger ist für Jens, dass der große Abschlussabend mit Lagerfeuer ansteht. Umso herber ist die Enttäuschung, dass seine Eltern aus heiterem Himmel im Lager auftauchen und ihn seiner Meinung nach schlichtweg entführen.

Zunächst war der Überraschungseffekt des abrupten Endes etwas verstörend. Gerade war die Geschichte ins Rollen gekommen, um dann einfach abgebrochen zu werden. Bei genauerer Überlegung ist es stimmig – denn schließlich fällt auch Jens aus allen Wolken, als „plötzlich“ seine Eltern auftauchen. Jetzt, da gerade etwas so Spannendes wie Peggy in seinen Alltag getreten ist. Ich konnte die Empörung auch richtig nachvollziehen.

Beeindruckend ist, dass Jochen Schmidt auch mich als Leserin so einlullen konnte. Klar weiß ich, wie und wann der Fall der Mauer in Gang getreten wurde. Auch die Bilder aus Ungarn kenne ich. Trotzdem habe ich mich so von Jens und Peggys Erlebnissen in Bann ziehen lassen, dass das große Weltgeschehen erstmal hintenanstehen musste. Oder wie Jens es ausdrückt: „ Es fühlt sich seltsam an, daß ich nicht mehr in Schneckenmühle bin, heute früh war ich noch dort. Daß man immmer nur das erlebt, was man selbst erlebt hat, aber daß überall sonst auch etwas stattfindet.“

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